Einfach Sein 11.2018

27. November 2018

Nach 33 Jahren „Sozialer Arbeit“ habe ich mir eine Auszeit genommen. Wenn andere vom Reisefieber gepackt werden, werde ich ganz still und leise. Ich will nicht durch die Welt reisen. Ich will bei mir ankommen. Das ist meine Sehnsucht. „Einfach Sein“ nenne ich das seit einigen Jahrzehnten.

Auch 2016 habe ich mich intensiv mit dem „einfach Sein“  beschäftigt. Und dann war es soweit: Im Dezember 2016 hatte ich es klar vor Augen. Ich gebe meine Soziale Arbeit als Verfahrensbeiständin auf. Bis April 2017 nehme ich noch Aufträge an, die ich bis zum Ende der Verfahren begleite. Dann gehe ich auf Kreativreise. So habe ich es umgesetzt.

Einfach Sein beinhaltet für mich seit Jahrzehnten, konsumreduziert leben, ohne dass ich geizig leben würde, verzichten oder darben müsste. Was mir immer große Freude bereitet ist der Gedanke, „dem Kapitalismus mein eigenes Schnippchen schlagen“. Klingt vielleicht albern, aber dieser Gedanke hat mir so manches Mal im Leben geholfen, die Ungerechtigkeiten der Welt zu ertragen. Der Gedanke ist auch mein Trost in Bezug auf die grenzenlose Ausbeutung der Natur durch wirtschaftliche Interessen. Der Gedanke bedeutet für mich: Ich muss das alles nicht mitmachen. Ich entscheide mich, eine maßvolle Konsumentin zu sein. Am wohlsten fühle ich mich mit mir selber, wenn ich neben Pflichtversicherungen, Wohnkosten, digitalen Netzkosten und Ausgaben für Kreativmaterial nur Geld für Lebensmittel ausgebe. Sprich keine Kleidung, keine Wohnaccessoires oder sonstigen Krempel. In meinem Alter, nach drei Jahrzehnten Familienphase, ist ja auch alles da, was zum Leben gebraucht wird.

Seit Dezember 2017 lebe ich erwerbsfrei. Das 1. Jahr werde ich in Kürze erwerbsfrei gelebt haben. Das soll mindestens in den Jahren 2019 und 2020 auch so bleiben. Wenn mich mein Erwerbs-Ich überfällt und mich dazu anstiften will, mir einen netten kleinen Job zu suchen, muss ich mir klar vor Augen führen: nein, 2019 und 2020 bleiben erwerbsfreie Jahre. Danach werde ich neu entscheiden. Vielleicht habe ich dann genug von meiner Kreativreise? Nach einem Jahr erwerbsfreiem Leben, fühle ich mich allerdings immer wohler auf meiner Kreativreise. Ich bin gespannt darauf, was sich in den kommenden zwei Jahren entwickeln wird.

Wie ich mir das leisten kann? Ich lebe zusammen mit meinem Mann in einem hypothekenfreien Haus. Mein Mann bekommt als Pensionär eine kleine Pension, die er gerne unser „bedingungsloses Grundeinkommen“ nennt. Und wir haben Rücklagen, die mir eine bescheidene Erwerbsfreiheit sichern, Jahre vor meinem Renteneintrittsalter. In den letzten Jahrzehnten habe ich auf nix verzichtet, aber vergleichsweise konsumreduziert gelebt. Seit den 80er Jahren habe ich keinen Sinn mehr darin gesehen, durch die Welt zu fliegen. Mit Ausnahme einiger Reisen, damit unsere Kinder einen ersten Eindruck von der großen weiten Welt bekommen. Tourismus war mir immer ein Graus. Das spart enorm viel Geld. Ich habe mich nie verschuldet. Den Banken habe ich keine Kredit- oder Überziehungszinsen gegönnt. Insgesamt fühle ich mich privilegiert. Ich lebe konsumreduziert und erwerbsfrei, weil ich das entschieden habe, nicht weil ich muss. 

Lesen, nachdenken, schreiben, malen, mich von allem Möglichen inspirieren lassen, sind meine liebsten Tätigkeiten. Ich bin froh, dass ich mit keiner meiner Lieblingstätigkeiten meinen Lebensunterhalt verdienen muss.